Mein  ostpreußisches  Jungvolk


6½ Uhr, Tipp, tipp, tipp! Rasche Füßchen eilen die Straße entlang. Hau, wau, wau! — Aha. So habe ich mich denn doch nicht geirrt. Die ersten meiner Schulkinder werden durch den Wolfspitz angemeldet. Klapp, die Türe auf! Klapp, ist sie auch wieder zu. Die Büchertaschen werden in die Bank gelegt, und dann geht's hinaus in den lockenden Sonnenstrahl. — Ein Haschen und Tollen. Doch auf einmal Stille! Neugierig und etwas besorgt gucke ich hinaus. Aha, es wird beratschlagt. Ein eifriges Nicken und frohe Gesichter zuegen davon, daß der Plan gut ist. Ein Pfiff, und alles eilt in die KLasse. Doch es geht durch die Kinderschar ein Raunen und Flüstern und Kichern. Ich höre das Wort Tafel tuscheln. Da prangt der Wunsch: „Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön; Herr Lehrer, wir möchten spazieren gehn!” Spazierengehen bitte, bitte, ertönt es von 20 Lippen.

So ziehen wir denn in den lachenden Sonnenstrahl hinaus. Ruhelos wandern die Augen der Kleinen umher, Es sind rechte Kinder des Waldes und der Sonne geworden; alles wollen sie in sich aufnehmen: Werden auch viel Beeren in diesem Jahr sein? So fragen sie sich und beobachten daraufhin das Strauchwerk. Ein Beerenjahr wird es sein. Ueberall hängen ja die kleinen Blütenglöckchen an den Blau- und Preißelbeersträuchern. „O, wie wunderschön!”, höre ich rufen, und alles guckt neugierig, was es denn zu sehen gibt. Ein kunstgerechtes Spinnennetz, an dem lauter kristallklare Tropfen hänge und in der Morgensonne farbig glitzern. Ganz winzige sind es und wiederum größere. Aber schon lockt etwas Anderes: Da sind lauter blauglänzende Mistkäfer hervorgekrochen.


Endlich sind wir am See. Eine kurze Ruhepause — das Großfrühstück, aus der Tasche hervor. Es mundet vorzüglich. Frau Sonne spiegelt sich im Wasser. Jeder will zuerst drin sein, dran sein, am Ufer patschen!
Einige sind schon, mit dem Brot in der Hand, hinweggeeilt. Es sind kleine Baumeister. Sie denken an die Heimatstunde vom gestrigen Tag. Aus der Urzeit haben sie viel Neues gehört. Jetzt wird' darge-
stellt. 8 Jungen gucken sich um und fort sind alle ihre Hü:llen. Nun geht's durch die Tannen, schon haben sie stärkere Aeste und Zweige und Bärlappengewinde, und bald steht eine Hütte, ein Phalhaus mitten im flachen Winkel des Sees. Bindfaden und Nägel und Taschenmesser haben sie mit. Es sind rechte „Jungens”. Die Mädels bringen Aeste und Moss, und polstern es innen, und in 1 Stunde steht es fertig. Andere haben inzwischen unser Zelt aufgestellt; die Pflöcke und Stützen, alles besorgen sie selbst. Hier und da haben sie zu fargen, und überall muß ich ihren Wissendurst stillen. — Es ist für den Lehrer und Erzieher häufig interessant. Hier lernt er die Praktiker, die Aesthetiker, die Naturfreunde, die Führernaturen kennen.

Zur Belohnung nun noch ein kleines offenes Feuer; trockene Aeste und Burren (Tannenzapfen) speisen es. Alles sitzt herum, ruht aus, Lieder erklingen. Frau Sonne ist uns zugetan, und Augen leuchten voller Lebensfreude. Ein Lied wollen sie zum Schluß noch singen.

Das war ein Unterrichtsgang, wie ihn eine neue Schule öfters macht. Die Begriffe Pfahldorf- und Zeltbewohner sind durch ein Erlebnis völlig geklärt. „Durch Selbsttätigkeit zur Selbständigkeit”, das ist der jetzige Unterrichts- und Erziehungsgrundsatz. Wir treiben Erlebnisunterricht und pflegen gelichzeitig unseren Körper in Waldesluft und Sonne. Den modernen pädagogischen und hygienischen Forderungen tragen wir Rechnung. Es ist in den 2 Jahren ein lustiges Völkchen in der Waldschule herangewachsen. Frei leuchten ihre Augen. Freude können sie verbreiten. Es ist jauchzende, lachende deutsche Jugend im Werden.


Text und Bilder: Hans Fiedler
Hans Fiedler (gestorben im März 1955) stammte aus Königsberg (dem heutigen Kaliningrad) und war 41 Jahre lang Lehrer in Treuburg, Ostpreußen (heute: Olecko → Polen). Die Schule, an der Hans Fiedler unterrichtete, war nicht weit vom „Großen Treuburger See” (heute → Jezioro Oleckie Wielkie) entfernt.

Quellen:
• Lachendes Leben / 1928
• Wikipedia

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