Eine Kultur des Hinschauens schaffen

Das Bild zeigt Enrico Kuhl und Günther Hedderich,
den Präsidenten der FSG NW
FSG - NW beschäftigt sich mit Prävention sexueller Gewalt

Braucht ein Verband für Freikörperkultur oder ein Naturistenverein eine besondere Sensibilität, wenn es um die Prävention sexueller Gewalt geht ? Mit einer klaren Antwort kann Enrico Kuhl, Mitarbeiter im Projekt "Schweigen hilft den Falschen" beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen, nicht unbedingt dienen. Was er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Mitgliederversammlung der Familien-Sport-Gemeinschaft Nordrhein-Westfalen (FSG-NW) an die Hand geben konnte, ist die erhöhte Aufmerksamkeit. Es gehe darum, eine Kultur des Hinschauens zu schaffen. Denn der Schutz der Opfer stehe im Vordergrund, meinte er in einem Impulsreferat vor den Delegierten aus den 34 Mitgliedsvereinen des naturistischen Sportverbands.

Zum Verstehen sexueller Übergriffe äußerte sich Enrico Kuhl in aller Deutlichkeit. Sexuelle Gewalt sei immer eine Entgleisung und eine geplante Tat. Es gehe um die Erregung durch Macht, die mit Sexualität verknüpft werden. Schließlich sei es so, dass stets persönliche Grenzen ignoriert würden. Er unterstrich in seinem Beitrag, dass Kinder und Jugendliche immer einen Erwachsenen bräuchten, "die ihnen aus Situationen heraushelfen".

Kritisch sieht Enrico Kuhl, dass aus Sportvereinen wenig nach draußen in die Gesellschaft dringe. Deshalb müsse jede Aussage eines (potentiellen) Opfers auf Sinnhaftigkeit überprüft werden, mahnte er. Skeptisch werde er als jemand, der therapeutisch arbeite, wenn ein Trainer Schützlinge regelmäßig nach den Übungsstunden nach Hause fahre. Dies könne eine vorbereitende Handlung für einen sexuell gewalttätigen Menschen sein. Grenzverletzungen nützten immer auch dem Austesten, „was ein vermeintliches Opfer zulässt”.

Kuhl rät den Sportvereinen, insbesondere den naturistischen Sportvereinen, Klarheit und Strukturen im eigenen System zu schaffen. Der Sport biete besondere Möglichkeiten, sexuelle Übergriffe zu wagen. Im Sport gebe es häufig Körperkontakte, Umkleide-und Duschsituationen, in denen potentielle Täter probieren könnten. Gemeinsame Freizeiten und Wettkämpfe böten sich an, um der Neigung zu Grenzverletzungen nachzugehen.

So sei jedes Instrument zu nutzen, um Signale gegenüber potentiellen Tätern zu setzen. So führte die Vorstellung des Ehrenkodex des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen sowie der erweiterten Führungszeugnisse auch in den Reihen der FSG-NW zu lebhaften Diskussionen. Enrico Kuhl geht es um das Zeichen, das gesetzt werde. Es sei ja nicht nur so, dass im persönlichen Kontakt Vertrauen geschaffen werden müsse. Dies geschehe vor allem aber, in dem bei Hilfestellungen nach einem sexuellen Übergriff alles in Absprache mit dem / der Betroffenen geschehe. Womit wir wieder bei der Sensibilität sind - dies ist jedoch überall dort vonnöten, wo persönliche Grenzen überschritten werden.


Text und Foto: Christoph Müller
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