Nacktwandern - 1929

Nacktwandern

Welcher Lichtfreund wird im warmen Sommer nicht den Wunsch haben, sich auch außerhalb der enggezogenen Grenzen des Geländes, mag dieses noch so schön gelegen sein, auf Wanderungen fern vom Verkehr im Sinne unserer Freikörperkultur bewegen ?
Darum sollen hier einige praktische Erfahrungen und Ratschläge über das Nacktwandern zur Sprache kommen.
Auf die gesundheitlichen Vorteile des Wanderns ohne Bekleidung braucht wohl nicht ausdrücklich hingewiesen werden. Auch das dünnste Kleid, das poröseste Hemd wird immer die Körperatmung behindern. Besonders unangenehm macht sich die Bekleidung gerade beim Marsche durch die erhöhte Schweißabsonderung fühlbar.

Aber auch aus rein gefühlsmäßigen Gründen ist ein Nacktwandern zu befürworten und auch in wenig bevölkerten Gebirgsgegenden durchaus möglich, wenn man dabei einsichtig vorgeht. Niemand von uns will ja bei den Mitmenschen, die unsere Bewegung noch nicht kennen, Anstoß erregen oder mit dem Gesetze in Konflikt kommen.



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Kleine Spiele sind
eine willkommene
Abwechslung bei
jeder Wanderung.
Da wir ohnehin die unberührte Schönheit von Wald und Flur genießen wollen, müssen wir Gegenden aufsuchen, die als weniger begangen bekannt sind. In den heimatlichen Gauen wird jeder solche Stellen kennen. Vielfach brauchen diese gar nicht weit von bekannten Ausflugszielen zu liegen. So habe ich in der Sächsischen Schweiz und im Erzgebirge mancherlei herrliche Plätze gefunden, die so gut wie unbekannt sind, und bin Wege und Stege gewandert, wo man ohne weiteres die lästigen Sachen in den Rucksack stecken konnte.

Aber auch in persönlich unbekannteren Gebieten kann man dies mit einiger Vorsicht meist tun. So bin ich im vorigen Jahre (→ 1928), auch am Sonntage, durch den Harz größtenteils nackt gewandert. Es wurde mir dort allerdings dadurch sehr erleichtert, daß ich nicht die markierten Harzklub-Wege ging, die von fast allen Wanderern benutzt werden, sondern seitwärts von diesen die noch zahlreich vorhandenen kleinen Pfade einschlug und dabei meist noch viel schönere Punkte berührte.

Praktisch dürfte es empfehlenswert sein, daß der Mann stets einen Surenschurz, die Frau einen leichten Kittel in der Hand bereit hält, so daß beim Nahen von Menschen sofort die für den Andersdenkenden unbedingt nötig erscheinende Bekleidung angelegt werden kann. Auf diese Weise wird wenigstens jede Reibung vermieden, wenn auch meist der Begegnende durch ein kurzes Wort, besonders der wandernde Naturfreund oder der biedere Waldarbeiter, aufgeklärt werden kann. Überzeugt man dadurch vielfach auch den andern nicht, so erreicht man doch wenigstens eine Duldung unseres Standpunkts.



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Eine Laute oder
Wandergitarre sollte
auch stets beim
Wandergepäck mit
dabei sein.

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Auch unsere
vierbeinigen
Freunde wissen
eine Wanderung
zu schätzen

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Die Belohnung
des Wanderers:
ein schöner
Ausblick
Hat man einen besonders schönen Fleck Erde erreicht, versteckt man den Rucksack mit den Sachen und kann sich so ganz frei bewegen.
Ein Bach oder eine Quelle bietet ein erfrischendes Bad, während ein kurzer Lauf durch das Dickicht mit den entgegenschlagenden Zweigen die beste Massage ist.

Empfehlenswert ist es, in Gruppen nackt zu wandern. Eine kleine Schar ist ja auch schon aus dem Grunde wünschenswert, als nur im engsten Kreise ein wirklicher Naturgenuß möglich ist. Dieses Einswerden mit der Umwelt ist es ja, was uns stärkt.


Text :
Walter Flechsig (Freikörperkultur und Lebensreform - 1929/7)


Bilder :
1 - Freikörperkultur und Lebensreform - 1932/11
2 - Freikörperkultur und Lebensreform - 1930/7
3 - Freikörperkultur und Lebensreform - 1933/9
4 - Freikörperkultur und Lebensreform - 1931/9
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