Ja, wenn sie nur wüßten...

Über die Freikörperkultur oder Lichtbewegung (weniger schön auch Nacktkultur genannt) sind noch die irrigsten Meinungen im Umlauf. Von der krassesten Ablehnung, die meist von keinerlei Sachkenntnis getrübt ist, über ernsteste Bedenken bis zum leisen Zweifel findet man eine ganze Skala von negativen Beurteilungen. Sie halten es unter ihrer Würde, sich überhaupt einmal mit den Zielen der Freikörperkultur zu beschäftigen.

Übelste Pornographie, Nacktrevuen, Bordelle und Freikörperkultur - das wird alles in einen Topf geworfen. Für sie sind z.B. Nacktheit und Reinheit zwei so diametrale Begriffe, die in einem Satz auszusprechen an Gotteslästerung grenzen. Nach außen "ganz Würde", für uns (Anm.: FKKler) immer nur ein "Pfui Deibel" auf den Lippen, sind es doch dieselben, die keuchend zum nächsten Astloch rennen, um pflichtgemäß Anstoß zu nehmen. Mögen sie mit "ihrer Moral" glücklich werden! Mit ihnen wollen wir ja gar nichts gemein haben, denn Welten trennen uns.

Eine weit größere Gruppe stellen heute diejenigen dar, die den gesundheitlichen Wert von Luft, Wasser und Sonne sowie eines naturverbundenen Lebens schon anerkennen, die aber gegen völlige Nacktheit sind. Auch sie können den Begriff der Nacktheit noch nicht ganz von dem der Unsittlichkeit trennen. Zutiefst hat Tradition und Erziehung bei ihnen die Klarheit der Begriffe verwirrt. Sie handeln in ihrer Ablehnung sicherlich in gutem Glauben, denn sie wissen ja nicht, daß das alles so ganz anders ist, als sie es sich vorstellen.

Ja, wenn sie wüßten -, daß Nacktheit und Reinheit absolut keine diametralen Begriffe zu sein brauchen, daß im Gegenteil Nacktheit - da, wo sie im innigsten Zusammenhang mit der Natur verstanden wird - geradezu zur Reinheit, Natürlichkeit und Klarheit führt -, daß da alles krankhaft Schwüle von einem abfällt, daß der Blick klarer, der Gang freier, ja, daß die ganze Haltung des Menschen eine andere wird -, daß hier die schönste, gesundeste Form der Freizeitgestaltung gefunden ist, die einem so unendlich viel Kraft in den Alltag mitgibt, der heute mehr denn je den ganzen Menschen erfordert.

Ja, wenn sie das alles wüßten --- !

Dann gibt es andere, bei denen es im Grunde genommen keine amoralischen Bedenken sind, aus denen heraus sie zur Ablehnung kommen, bzw. warum sie nicht mitmachen wollen. Bei ihnen ist es in Wirklichkeit Eitelkeit und Geltungsdrang, welche anderen Argumente sie auch immer anführen mögen. Das sind oft die sogenannten "stattlichen Herren und eleganten Damen". Gewiß, wenn alle Hüllen fallen, bleibt manchmal von aller Stattlichkeit und Eleganz nicht viel übrig. Mit Mode läßt sich gar viel verdecken. In der FKK können sie nicht immer die erste Rolle spielen, die krankhaftes Geltungsbedürfnis verlangt. Manch durchtrainierter Körper eines einfachen Mannes, manch braungebranntes Sportmädel läuft ihnen da vielleicht den Rang ab, wenngleich ein übertriebener "Körper-Kult" in der Lichtbewegung absolut nicht zu Hause ist. Hier wird jeder ehrlich Wollende gleich geschätzt und geachtet, auch wenn er nicht unbedingt eine Idealfigur besitzt.

Gerade der Takt und die kameradschaftliche Verbundenheit sind die auffallenden Wesenstypen aller Lichtfreunde. Und alle diejenigen, welche noch nicht allzu tiefst durch die Mode verdorben sind und sich noch ein wenig Natürlichkeit bewahrt haben, würden bald erkennen, daß sie für ihre Eitelkeit, die sie über Bord werfen, reichlich entschädigt werden. Die wiedergefundene Freude am Körper, das herrliche Gefühl von Kraft und Gesundheit werden ihnen bald mehr bedeuten, als all ihr zweifelhaftes "Prestige" in der modischen Welt.

Dann gibt es natürlich noch mancherlei andere Gründe der Ablehnung. Viele meinen noch - die Anhänger der Freikörperkultur seien mehr oder weniger eine Gruppe von Sonderlingen und Fanatikern, die sich ausschließlich von Brennesseln, Ameisen und ähnlichen Dingen ernähren und in ihrem äußeren Habitus das Ungepflegte in Kleidung und Haartracht besonders betonen. Sie denken da wohl an die Vorkämpfer der Nacktkultur, die damals als Revolutionäre manchmal einen ähnlichen Lebensstil propagierten. Doch mittlerweile hat die Idee weiteste Kreise erfaßt. Die Mehrzahl der Anhänger sind heute Menschen wie "du und ich" - nur vereint in tiefster Liebe zur Natur, - bestrebt ihre Lebensführung auf möglichst natürliche Grundlagen zu stellen und sich von überholten konventionellen Fesseln frei zu machen. Es wird gewiß heute in diesen Kreisen keiner mehr verfemt, der hin und wieder eine Zigarette raucht. Das freie Leben in Luft und Sonne, bei Sport und Spiel, erzeugt so viel Kraft und Körperfreude, daß man schon von selbst jedes Übermaß von Giften seinem Körper fernzuhalten sucht.

Denen, die da sagen: "Warum aber deswegen einen Verein gründen? Ich oder wir können auch ohne Verein unser Leben in ähnlichem Sinne gestalten!" möchten wir antworten. Ja, gewiß - das geht ab er wohl nur sehr unvollkommen! Wie sorglos, frei und ungebunden ist man dagegen auf Geländen der Freikörperkultur. Bei Sport und Spiel kann man sich hier austoben - ohne die ewige Angst vor Entdeckung.

Nicht zuletzt ist es noch die Kameradschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl gleichgesinnter Menschen.

Was auch immer die Gründe der Ablehnung sein mögen, die uns noch auf Schritt und Tritt begegnen - wir wissen, daß theoretische Betrachtungen, daß Wort, Bild und Schrift nicht immer zu überzeugen vermögen. Wie wissen aber auch, daß noch vile mehr zu uns kommen würden, wenn sie wüßten, was die Freikörperkultur will und was die dem Menschen zu geben vermag.

Quelle: UNSER DASEIN - 1 / 1950

Zurück