Der Ausdruckstanz

Auf den Laien wirkt der Ausdruckstanz im allgemeinen sehr befremdlich - langsame, fließende Bewegungen, die sich mit ruckartigen, schnellen Bewegungen abwechseln - Arme, die zum Teil wild in der Luft umherfliegen - und plötzlich in sich zusammensackende Tänzerinnen und Tänzer. Auf dem ersten Blick sieht es wirklich etwas sonderbar aus, befasst man sich aber ein wenig näher mit dem Ausdruckstanz, lernt man auch recht schnell, ihn zu verstehen und die Bewegungen richtig zu interpretieren.

Bewegungen, welche Emotionen darstellen, sind dabei noch am leichtesten zu erkennen: Freude, Trauer, Mut und so weiter, lassen sich recht leicht darstellen. Schwieriger sind dann komplexere Themen, ganze Geschichten, die mittels des Tanzes dargestellt werden.

Obwohl der Ausdruckstanz auch heute noch gelehrt wird, so ist er doch schon leider fast in Vergessenheit geraten und in den öffentlichen Aufführungen kaum noch zu finden, höchstens noch als Rahmenprogramm einer Ballettschule.

Dabei könnte man heute mehr denn je vom Ausdruckstanz profitieren, in einer Zeit, wo die Menschen eher versuchen, Gefühle zu verbergen, als offen zu zeigen. Nun, dies muss natürlich nicht so theatralisch geschehen, wie im Tanz.

Warum nackt ?
Weite Gewänder sind für den Ausdruckstanz nicht geeignet, da der ganze (!) Körper zum Einsatz kommt. So ist zum Beispiel auch eine schnelle (und eben sichtbare) Atmung ein Bestandteil verschiedener Figuren, wie die Darstellung von „Erschöpfung” oder „Aufregung”. Aber auch das Spiel der Muskeln soll erkennbar sein.
Nachgeblieben sind heute noch die halbnackten Tänzer, bzw. ihre hautengen Trikots.

Nackt vorgeführt, wirken die einzelnen Figuren noch authentischer, noch glaubwürdiger. Kann man zum Beispiel „Scham” glaubhaft darstellen, wenn man bekleidet ist ?


» Tieftanz «

» Gebieter / gebietend «


» Huldigung / Ehrfurcht «

» Vorsicht / Annäherung «

» Früher Vogel fängt den Wurm «
Diese 5 Bilder aus dem Jahr 1926
stammen von dem
Kinderbewegungschor Rudolf von
Laban
, Hamburg, unter der Leitung
von Jenny Gertz.

» Mitten im Kampfgeschehen «

» Angriff und Verteidigung «

Für Kinder ist der Ausdruckstanz als sportliche Betätigung ideal. Dabei ist es heute egal, ob die Kinder bekleidet oder nackt sind, wichtig nur, dass sich die Kinder überhaupt bewegen.
Bei den „Kleinen” fängt man mit einfachen Darstellungen und Figuren an, zum Beispiel Tiere imitieren: hüpfen wie ein Frosch, schreiten wie ein Storch und so weiter, wobei die Eigenarten der darzustellenden Tiere mit berücksichtigt werden sollten.

Später kommen dann »Gefühle« hinzu, wie zum Beispiel „Freude”, „Angst” oder „Wut” ... um nur ein paar zu nennen.

Den Kindern wird es viel Freude bereiten, wenn sie erst einmal die Erfahrung gemacht haben, dass man nur allein mit dem Körper so viel ausdrücken, so viel „sagen” kann.

HEUTE in den FKK-Vereinen ...
... wäre der „nackte Ausdruckstanz”, dargeboten von Kindern und Jugendlichen des Vereines, mit Sicherheit ein großes Highlight auf jedem Vereins-Fest.



Hommage an den nackten Ausdruckstanz

Die aus Australien stammende Songwriterin und Sängerin Sia setzte ganz bewusst in ihren Video-Clips zu den Songs „Chandelier”, „Big Girls Cry” und „Elastic Heart” den (nackten) Ausdruckstanz als Stil-Mittel ein.





Diese beiden Bilder stammen aus dem offiziellen Video zu „Chandelier”. In dem Lied geht es um ein alkoholabhängiges junges Mädchen und ihre »Gefühlswelt« und was der Alkohol aus und mit ihr macht, wie er ihr Leben bestimmt.
Sehr eindrucksvoll von der damals 12-jährigen Maddie Ziegler getanzt. Sieht man die anderen Videos von „Chandelier”, wird man erkennen, dass die kleine Maddie da nicht einfach „wild” herumtanzt, sondern einer einstudierten Choreographie folgt. Weiß man um den Inhalt des Liedes, ergeben die einzelnen Bewegungen einen Sinn.
Der fleischfarbene Body (Farbe: Inkarnat) den Maddie trägt, symbolisiert die „Nacktheit” und ist eine Hommage an den nackten Ausdruckstanz. Auch zeigt dieser Body die „Blöße”, in welcher sich das (besungene) Mädchen befindet.

Die entsprechenden Videos findet Ihr auf den verschiedenen Video-Plattformen.


Das Tanztheater

von Rudolf von Laban

„Das künstlerische Erleben ist immer neu; nur die Form der Kunst wird dort alt, wo sie einmal neu war. Jede neue Form aber verlangt Anerkennung und darin liegt die Notwendigkeit des Erkennens.
Je bedeutender die neue Form ist, desto schwerer pflegt das Erkennen zu sein, desto berechtigter ist aber auch die Forderung zum ersten Wollen des Wissens.
Eine solche bedeutsame neue Form der Kunst ist jetzt im Tanztheater im Entstehen begriffen. Allen neueren Bühnentanzwerken, seien es nun Einzeltänze oder Gruppentänze, ist eines gemeinsam: der Tanz, der räumlich harmonisierte Bewegungsausdruck, ist die Hauptsache, während die Musik das malerisch Bildhafte und das pantomimische Element nur mehr oder weniger unterstützende Nebenerscheinungen bleiben.

Tanzkunst: als künstlerischer Ausdruck ganz und gar alles gebend, alle anderen künstlerischen Ausdrucksformen nur als Beihilfe, als nebensächliche Notwendigkeiten.

Wir haben noch keine der großen Öffentlichkeit bekannte Terminologie des Tanzgeschehens und müssen uns daher bei unseren erläuternden Ausführungen auf die Analogie zwischen Tanz und orchestraler Musik oder zwischen Tanz und Dramatik beschränken. So sehr nun im abstrakten Tanz jedes primitive Postulat der Musik oder der Dramatik abgelehnt wird, so sind diese beiden Künste doch wohl geeignet, um aus ihnen eine gewisse Einführung in die Tanzkunst zu finden.

Es gibt Bewegungsfolgen, die sich eindrucksvoll als Hochtänze charakterisieren, sie wirken wie in der Musik der Sopran; ebenso die Tieftänze - wie in der Musik der Bass -, woraus sich übrigens schon die Notwendigkeit des viel umstrittenen Männertanzes ergibt, als Forderung der Ausschöpfung aller darstellerischen Möglichkeiten.

Wir begegnen in der Gliederung einer Tänzergruppe den Typen der Tieftänzer, Mitteltänzer und Hochtänzer. Tanz allein kann die Gefühlsverläufe des Epischen gerade so hervorrufen wie ein Wortepos. Zu höchster Dramatik wird das Erleben in manchen Tanzbildern. Sich Überstürzenden Witz, klangvollen Humor vermag der Tanz ins Gemüt zu zaubern.

Das neue Tanztheater hat nunmehr die Aufgabe, alle Möglichkeiten des tänzerischen Ausdrucks zu ergründen und wieder zu einer Synthese zusammenzuschweißen.

Tanz hat Dinge zu sagen, die durch Wort und Schauspiel oder durch Musik gar nicht oder zumindest nicht in so erschöpfender Weise wie im Tanze mitgeteilt werden können.

Nicht jedes Tanzkunstwerk soll und muss eine rein verstandesmäßig verfolgbare Handlung zugrunde liegen. Die Inspiration des Tanzdichters (Tänzer/Tänzerin) greift zu jenen Ausdrucksmitteln, die sein Erlebnis und sein Mitteilungswunsch erfordert.”

Text aus:
» Die Schönheit « - Heft 1 / 1926 (4. Rhythmusheft)
Autor: Rudolf von Laban




Jenny Gertz (1891-1966)
Die Tänzerin Und Tanzpädagogin Jenny Gertz studierte bei Rudolf von Laban und erhielt 1923 ihr Diplom zur Bewegungschorleiterin. Daraufhin arbeitete sie als stellvertretende Direktorin der „Hamburger Bewegungschöre Rudolf von Laban” unter der Leitung von Albrecht Knust (Choreograph).
1927 wechselte sie an die Weltliche Schule in Halle an der Saale. Hier stellte sie koedukative Laienbewegungschöre für Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf.
1933 wurden Jenny Gertz und ihre Assistentin Ilse Loesch (Ausdruckstänzerin und Tanzpädagogin) von der Gestapo wegen ihres kommunistischen Hintergrundes, festgenommen.
Nach dem Verbot ihrer Bewegungschöre emigrierte Jenny Gertz 1934 zunächst nach Prag und 1939 nach England, wo sie an der Tanzschule von Kurt Jooss (Dartington Hall) und praktizierte ab 1940 als Lehrerin für Körperkultur und Erziehung an der St. Johns College Choir School in London.
1947 kehrte Jenny Gertz nach Halle zurück und leitete bis 1953 den Kinderclub Jenny Gertz.

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