Eine verhüllte Gesellschaft

Um 1900 ist der nackte, bzw. teilweise entblößte Körper im Alltag weitestgehend tabuisiert. Auch im Somemr tragen die Frauen hochgeschlossene Kleider und Röcke, die bis zum Knöchel reichen. Männer tragen lange Hosen und stets geschlossene Kragen. Für beide Geschlechter sind Kopfbedeckungen selbstverständlich.
In den Badeanstalten und an den Stränden wird (fast) überall nach Geschlechtern getrennt gebadet, wobei die Damen in besonderen Karren bis direkt ins Wasser gefahren wurden.

Gegen diese Beschränkungen, diese 'Einengungen', formiert sich eine Bewegung, die den gesundheitlichen, ästhetischen und sittlichen Wert einer "Nacktkultur" vertritt.

Bad in Licht, Luft und Sonne

Mit dieser Nacktkultur (der Begriff Freikörperkultur - FKK) wird erst in den 20er Jahren gebräuchlich) wird auch gleich eine neue kulturelle Praxis erlernt. Im Veraständnis zu der damaligen Zeit bedeutet 'Nackt' auch weitgehend 'entkleidet'. Verbreitung findet die Nacktkultur zuerst in Licht- und Luftbädern, die (strikt nach Geschlechtern) getrennt, dem "Baden in Licht, Luft und Sonne" und der planmäßigen Körperertüchtigung dienen.

Eine leichte Bekleidung bleibt jedoch vorgeschrieben:

Der endgültige Schritt zur Freikörperkultur, wie wir sie heute kennen (sorry: kannten), das gemeinsame völlige Nacktsein von Menschen beider Geschlechter und jeden Alters, wird zu der Zeit nur in wenigen Vereinigungen, Bünden, gewagt.

Natürlich, gesund und schön

In der damaligen, wilhelminischen Gesellschaft, musste jede Form von Nacktheit und Nacktkultur verteidigt und begründet werden. Die Anhänger der Nacktkultur behaupten, der Mensch sei von Natur aus ein "Licht-Luft-Geschöpf" und die Nacktkultur entsprechend die Rückkehr zu einer "naturgemäßen Lebensweise". Licht, Luft und Sonne wurden als Heilsbringer mit einer regelrechten religiösen Inbrunst gefeiert.
Nacktkultur mache gesund und schön durch den unmittelbaren Kontakt mit den Naturelementen und fördere sogar die Sittlichkeit: denn nur bekleidete Körper wecken "schwüle Gedanken".
Zu der gesunden Lebensweise zählte unter anderem die vegetarische Ernährung, Nikotin- und Alkoholverzicht, sowie Hygiene und Körperertüchtigung.

Lichtwärts voran ...

Ab 1919 kann die FKK-Bewegung aufgrund der liberalen Bestimmungen der Weimarer Verfassung zunehmend offensiv agieren.. Zahlreiche Vereine werden gegründet, die sich in reichsweiten Dachorganisationen zusammenschließen. FKK wird zu einer breiten Bewegung, die am Ende der Weimarer Republik ca. 100.000 organisierte Anhänger und Anhängerinnen zählt. Die Vereine spiegeln das gesamte politische Spektrum wider: vom völkischen "Treubund für aufsteigendes Leben", über streng lebensreformerische und weltanschaulich neutrale Zusammenschlüsse bis hin zu den zahlenmäßig stärksten, sozialistsich orientierten Verbänden, dem "Bund Freier Menschen" und den "Körperschulen Adolf Koch".

Nackt unter Nackten

Im Mittelpunkt des Vereinslebens stehen Wochenendaufenthalte und Sommerurlaube auf den Freigeländen, die in den Zeitschritfne der Bewegung als "normale" Freizeitbeschäftigung dokumentiert werden. Auf vielen Geländen ist Bewegung bei Arbeit, Gymnastik, Sport und Spiel selbstverständliche Pflicht, sich nur in die Sonne zu legen war verpönt. Zugleich entsteht eine kommerzielle, touristische Infrastruktur, die auch den nicht in Vereinen organisierten Anhängern und Anhängerinnen der Freikörperkultur offensteht.
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