Adolf Koch
Adolf Karl Hubert Koch ①
Geboren: Gestorben: |
09.04.1896 in Berlin 02.02.1970 |
✱ Kindheit und Jugend
✱ 1. Weltkrieg
✱ Ehen
✱ Publikationen
✱ Private Geschichten und Bilder
✱ Der Skandal
Kindheit • Jugend
Vater Karl Koch, gelernter Tischler, war Feuerwehrmann, wobei Adolf ihn in seinem Lebenslauf als »Brandmeister« bezeichnete. Mutter Pauline Koch, geb. Krause, war Hausfrau und Mutter. Adolf hatte noch eine anderthalb Jahre jüngere Schwester. Aufgewachsen sind die beiden im Berliner Stadtteil Kreuzberg, in der Hagelberger Straße 26.
Einschulung im Jahr 1902, ab 1903 Volksschule mit Abschluß im Jahr 1911.
Am 14. September des gleichen Jahres wurde Adolf Koch in der evangelischen Passionskirche konfirmiert②.
1. Weltkrieg
Nach Beendigung der Volksschule trat Adolf Koch in die Präparandenanstalt③ von Kyritz④ ein. Diese Ausbildung brach er 1914 ab und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Er war nicht vom Krieg besessen, sondern sah darin die Chance den Zwängen und der strengen Ordnung der internatsähnlichen Anstalt zu entfliehen.
Adolf Koch wurde als Sanitätssoldat (Pfleger) eingesetzt. Seinen Dienst verrichtete er in verschiedenen Lazaretten in Frankreich und Rußland ⑤. Alle Vorgesetzten waren mit der Arbeit von Adolf Koch sehr zufrieden.
Diese hervorragenden Dienste wurden am 16.01.1916 mit der »Rote Kreuzmedaille dritter Klasse« gewürdigt - eine für einen einfachen Soldaten hohe Auszeichnung.
Nach Beendigung des ersten Weltkrieges kehrte Adolf Koch nach Berlin zurück und nahm im Früjahr 1919 die abgebrochene Lehrerausbildung wieder auf, welche er im Herbst 1920 mit dem 1. Staatsexamen abschloß.
Neben der Ausbildung zum Volksschullehrer begann Adolf Koch zusätzlich das Studium an der „Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität”, der heutigen Humboldt-Universität, in Berlin. Er wurde am 03.06.1919 unter der Matrikelnummer 5537109 immatrikuliert und gehörte der Philosophischen Fakultät an ⑥. In seinem Lebenslauf gibt Adolf Koch die Fächer Pädagogik und Medizin an. Schwerpunkt seines Studiums war das Thema »Hygiene«, wie auch die belegten Vorlesungen beweisen, darunter auch zwei über die »Psychologie der Frau« von Professor Lipmann, auf welchen Adolf Koch später bei eigenen Vorträgen immer wieder zurück kommt.
Man kann durchaus anmerken, dass Adolf Koch bis zum Jahr 1919 mit der Freikörperkultur nichts zu tun hatte.
Erst mit dem Thema »Hygiene« fing Adolf Koch an, sich auch für die Freikörperkultur zu interessieren. Er las FKK-Magazine, wie „Die Schönheit” und besuchte Cabarets mit Nackttanz. Bei letzterem war Koch besonders von der Ausdrucksstärke und der tänzerischen Eleganz von Della de Waal ⑦ fasziniert.
Direkt im Anschluß an seine Lehrerausbildung (September 1920) ging Adolf Koch in den Schuldienst und wurde Klassenlehrer der 4. Mädchenklasse einer Volksschule in Berlin-Kreuzberg (Cottbusser Tor). Er versuchte gleich, seine reformerischen Vorstellungen von einer „neuen Erziehung” zu verwirklichen. Darunter fiel u.a. das Verhältnis von Geist und Körper auf eine neue Grundlage zu stellen. Der Schulsportunterricht wurde seiner Meinung nach zu sehr stiefmütterlich behandelt und beschränkte sich lediglich auf gleichförmige und langweilige Turnübungen. Hinzu kam die fehlende Körperhygiene, die er beklagte:
Zitat - Koch:Mit kleinen Anforderungen fing Adolf Koch an: die tägliche Säuberung der Fingernägel. Dazu wurde eine Mitschülerin als „Reinigungskommissarin” gewählt, die jeden Tag die Hände und Fingernägel ihrer Mitschülerinnen kontrolliert. Ungefähr eine Woche später kam die Zahnpflege hinzu. Ziel war es, die Mädchen zu einer täglichen Grund-Hygiene zu bewegen - mit sichtbarem Erfolg: saubere, gesunde und fröhliche Kinder.
„ Es ist eine weit verbreitete Gewohnheit, nur Hände und Gesicht täglich, aber die Füße nur zweimal in der Woche, und den ganzen Körper gar nur alle acht bis vierzehn Tage zu waschen. Vom Baden ganz zu schweigen.” (Zitat - Koch - Ende)
Adolf Koch aber erkannte, dass eine hygienische Körperpflege für eine umfassende Körpererziehung allein nicht ausreicht. Er begann 1921 mit einer Gymnastikausbildung in der »Schule für Körpererziehung und Bewegungsbildung« in Berlin-Charlottenburg, welche von Anna Herrmann-Müller geleitet wurde. Zu dieser Zeit kam gerade der Ausdruckstanz in Mode, Gefühle und Stimmungen in Bewegungen auszudrücken, darzustellen. Hinzu kamen die teilweise recht unterschiedlichen Gymnastik-Methoden von Bess M. Mensendieck, Rudolf Bode, Emil Jaques-Dalcroze, Dora Menzler und letztlich der Loheland-Gymnastik.
Adolf Koch tendierte zu den gymnastischen Übungen nach Dora Menzler, denn sie hatte die Vorzüge der unterschiedlichen gymnastischen Systeme zusammengebracht
Eine erfolgreiche Körpererziehung war für Adolf Koch nur möglich, wenn die gymnastischen Übungen in völliger Nacktheit durchgeführt wurden. Anna Herrmann-Müller und auch Dora Menzler waren von dieser Idee begeistert und unterstützten Adolf Koch.
» ... genaueste Beobachtung jenes unendlich reichen Ineinanderspiels von Muskel- und Gelenkfunktion und Skelettform, auf die beständige Wahrnehmung jedweder Veränderungen in Bau und Funktion und Ausdruck des Körpers. Es ist nicht zu denken, wie sich der Gymnastiker in dem ungewöhnlich komplizierten Gebilde des menschlichen Körpers zurechtfinden soll, wenn man ihn nicht, wie dem Arzt und dem Künstler, die Möglichkeit einer beständigen Detailbetrachtung geboten wird.« ⑧ |
So bestärkt, entwickelte Adolf Koch gymnastische Übungen speziell für Kinder. Die Freude an der Bewegung, den Spieltrieb und das phantasievolle Vorstellungsvermögen der kleineren Kinder flossen in diese Übungen mit ein. Für die älteren Kinder entwickelte er Arbeitsübungen, die u.a. auf Schwer- und Schwungkraft beruhten.
Adolf Koch war es sehr wichtig, dass Jungen und Mädchen gemeinsam (nackt) übten, denn die Kinder sollten auch Ehrfurcht und Achtung vor dem (nackten) Körper des anderen Geschlechts erlernen und erleben, dass Nacktheit an sich, nichts sexuelles beinhaltet.
1923 beendet Adolf Koch seine Gymnastiklehrerausbildung. An der Kreuzberger Schule führte er die von ihm entwickelte Gymnastik aber nicht ein. Bei Klassenausflügen kam es schon mal dazu, dass man in abgelegenen Seen nackte badete, mehr jedoch nicht.
Am Ende des Schuljahres 1920/21 musste Adolf Koch diese Schule verlassen: er soll einem Mädchen in unzüchtiger Weise unter den Rock gegriffen haben. Adolf Koch bestätigte zwar, dass er das Mädchen angefaßt habe, jedoch in Form von einer ärztlichen Untersuchung (medizinische vorgebildet war Adolf Koch). Das betreffende Mädchen wurde mit Verdacht auf eine Blinddarmentzündung ins Krankenhaus gebracht.
Adolf Koch wurde trotzdem strafversetzt. Er kam an eine Schule im Berliner Osten, hier hatte er es mit schwer erziehbaren Kindern zu tun. Interessant jedoch ist, dass Adolf Koch durch diese Strafversetzung erstamls Kontakt zur Freikörperkultur fand. Einige der Eltern hatten sich zu einem »Freundschaftskreis« zusammen gefunden, um in der Freizeit etwas für ihren Körper zu tun, eine formelle Vereinssatzung gab es nicht. Die Kinder bildeten die Gruppe „Jugendgilde Sonnenland”.
Adolf Koch sah eine wunderbare Möglichkeit, „seine” Gymnastik in diese Vereinigung einzubringen. Eltern und Kinder versammelten sich jeden Samstag im Jugendheim Mariannenufer 1a zur Gymnastik. Hierbei handelte es sich zunächst nur um die Gymnastik für 10- bis 13-jährige Jungen und Mädchen, die im Beisein der Eltern und in völliger Nacktheit gemeinsam turnten.
Ende 1922 brachte er die gymnastischen Übungen auch in seinen Schulunterricht mit ein, wobei die Kinder zunächst nicht nackt turnten, sondern mit einer Badehose bekleidet waren. Rektor Ruthe bescheinigte, „dass Adolf Koch für den Gymnastikunterricht im besonderen Maße geeignet sei.”
Adolf Koch wollte aber die Nacktheit mit einführen, als wesentlichen Bestandteil der von ihm entwickelten Übungen. Adolf Koch wusste aber auch, dass er im normalen Schulbetrieb die Nacktheit nicht einführen konnte, so suchte er Hilfe bei den Eltern seiner Schülerinnen und Schüler, woraus sich im Juni 1923 die »Elterngruppen für freie Körperkultur« gründeten. Auch die Eltern mussten sich zur Einhaltung der hygienischen Grundregeln verpflichten, denn das Thema „Hygiene” verlor Adolf Koch nie aus den Augen.
Als Übungsort dienten ihm Klassenräume und Aula außerhalb der Unterrichtszeiten.
Natürlich reichten diese Räumlichkeiten dann irgendwann nicht mehr aus, eigene mussten her...
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Zeitungsausschnitt aus »Der Abend«, Berlin , vom 28. September 1962 Bericht über das Adolf-Koch-Institut. |
Ein unbeirrbarer Pionier der FKK-Bewegung und der Nacktgymnastik
Den großen Erfolgen seiner Gymnastik-Schulen gingen harte Kämpfe voran. Dabei waren die Gerichts-Prozesse, in Gang gesetzt von verklemmten Moralaposteln, noch nicht einmal so schlimm, denn zu einer Verurteilung (im negativen Sinne) kam es nicht.
Härter jedoch traf ihn das totale Verbot durch die Nationalsozialisten. Seine Institute wurden geschlossen, unter anderem auch, weil er sich weigerte, sich von seinen jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern freiwillig zu trennen. Seine Schriften standen in der Liste der »Verbotenen und undeutschen Bücher« und wurden in der sogenannten Reichs-Kristallnacht in Berlin öffentlich verbrannt.
Seine Institute:
Diese „neue” Form der Gymnastik, in Zusammenhang mit seiner Auffassung naturgemäßer Lebensweise, versuchte Adolf Koch auch in der Schule durchzuführen - natürlich mit der entsprechenden Einwilligung der Eltern. Da konnte es auch nicht lange bis zu seinem ersten Prozess dauern. Adolf Koch kämpfte weiter, zog aber seine Konsequenzen und trat aus dem öffentlichen Schuldienst aus und begann mit dem Aufbau eines Institutes für Freikörperkultur.
13 (!) Schulen konnte Adolf Koch in Deutschland aufbauen.
Deren Programm bestand aus:
- Gymnastik mit Wechselduschen
- Höhensonnenbestrahlung
- ärztliche Untersuchungen und Betreuung
- Aussprachen zu allen Problemen
- ... und weiteren Unterrichts-Stunden
Der Mensch, das Individuum - war immer Aufgabe und Ziel seiner Arbeit.
Wer einmal die „alten” Dokumentationen über die Freikörperkultur im Fernsehen ansieht, wird sich bestimmt an den Part erinnern, in welchem von Adolf Koch die Rede ist. Zu seltsam erscheinen uns heute die Bilder und Filme aus seinen Gymnastikschulen: Familien, Erwachsene, Kinder und Jugendliche, die nackt durch einen Raum tanzen, springen und hüpfen und dabei nach den Anweisungen Adolf Kochs agierten. Seltsam sah es zwar aus, war aber für die Bewegung der Freikörperkultur ein enorm großer Schritt.
In Berlin bestand sein Institut in der Friedrichstraße, FKK-Schwimmen und FKK-Gymnastik fanden im Stadtbad Mitte (Gartenstraße) statt. Zudem verfügte er in Selchow ein stattliches Gelände mit Sport- und Spielplätzen, einem See und Baracken.
... bis zu dem Verbot durch die Nationalsozialisten. Aber Adolf Koch liess sich nicht beirren und arbeitete illegal weiter, half vielen Juden und NS-Verfolgten.
Offiziell war er während des Krieges u.a. als Leiter für Verwundetensport und der Nachbehandlung von Versehrten (Schloß Marquart, Berlin) einberufen.
In erster Ehe war Adolf Koch mit Ilka Dieball verheiratet. Ilka Dieball war auch seine Assistentin und später auch (mit) Schulleiterin der Körperkulturschule Adolf Koch in Berlin.⑨
Nach 1945 begann er sofort wieder mit dem Aufbau eines neuen Institutes, welches bald als »Freie Schuleinrichtung« vom Berliner Senat anerkannt wurde. In regelmäßigen und öffentlichen Vorträgen zeigte er seine Arbeiten und warb natürlich auch für die Freikörperkultur.
Der DFK distanzierte sich jedoch von den Arbeiten Adolf Kochs und schloss ihn 1964 aus dem Verband aus.
Adolf Koch wurde dann später rehabilitiert (Datum noch unbekannt)
Am 2. Februar 1970 verstarb Adolf Koch.
Ehen
Adolf Koch war dreimal verheiratet:
☀ 1927 - 1935 mit Ilka Koch, geborene Dieball
☀ 1948 - 1950 mit Helga Koch, geborene Schminke
Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor
☀ ? bis zu seinem Tode 1970 mit Irmgard Koch, geborene Richter
Nachträglich (1951) ausgestellte
Heiratsurkunde mit dem Vermerk
der Scheidung.➽
Die Heiratsurkunde wurde mir freundlicheweise von dem Sohn von Adolf Koch zur Verfügung gestellt.
Auswahl an Publikationen:
![]() Körperkultur und Erziehung |
![]() Wir sind nackt und nennen uns Du! |
![]() Adolf Koch Gymnastik |
![]() Der natürlich bewegte Leib |
![]() Der nackte Mensch in der Bewegung |
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Private Geschichten und Bilder um und über Adolf Koch
Aus einem Vortrag - gehalten 2023 in Berlin vor dem Familiensportverein Adolf Koch e.V. - von Helmut Koch, Sohn von Adolf Koch. Nicht chronologisch! Neu bearbeitet und ergänzt 2025.
Über die Kindheit und Jugend meines Vaters, Jahrgang 1897, weiß ich kaum mehr als die öffentlichen Quellen hergeben. Das war kein Thema zwischen einem weit über 50jährigen und seinem Sohn im Alter von 6 bis 12 Jahren.
Vieles kenne ich auch nur vom Hörensagen, also nicht direkt von Adolf, sondern aus seiner Umgebung. Allerdings sind auch das - wegen des großen Altersgefälles zu Adolfs Wegbegleitern - nur wenige Bruchstücke.
Hier einige Fotos aus der Zeit nach der Jahrhundertwende 1900:
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Verschüttet
Aus der Zeit Adolf Kochs im Weltkrieg I, weiß ich eigentlich nur die Geschichte seines kaputten Beines:
Als sein Unterstand einen Treffer abbekommen hatte, war Adolf über einen Tag verschüttet, mit einem Balken über dem rechten Oberschenkel.
Als man ihn ausgrub und ins Feldlazarett brachte, war er bei Bewußtsein und auf Grund seiner medizinischen Kenntnisse und der Fronterfahrung, war ihm klar, das der Feldarzt ihm sein Bein abnehmen würde. Das würde er kaum überleben können. Und wenn, dann hätte er als Kriegsinvalide keine Zukunft.
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In den Dienst der Sache stellen ...
Über das Leben meines Vaters, von den zwanziger bis zu den vierziger Jahren, weiß ich ebenfalls sehr wenig.
Die Ausbildung, die Zeit als Lehrer an der öffentlichen Schule, die Gründung seiner Schule, die Heirat mit Ilka Dieball, die Aufbruchstimmung der zwanziger Jahre, das Wachsen der FKK-Bewegung, dann das Aufkommen der Nazis - das ist aus der FFK-Bewegung bekannt.
Ich will hier auch nur ein paar private Lücken füllen.
In den 60er hat er mir erzählt, das die NSDAP gerne ihn und seine Bewegung vereinnahmt hätten um ihn für den Dienst an der nationalen Sache zu gewinnen. Er habe ihre durchaus attraktiven Angebote abgelehnt, mit negativen Folgen (siehe Veröffentlichung des DFK, Juli 2020 - weiter unten). 25 Jahre später hatte die SED das gleiche Anliegen, er sollte sich in den Dienst der sozialistischen Sache stellen und dann würde er auch seinen Besitz - der überwiegend im Gebiet der ehemaligen DDR lag - zurückerhalten.
Das seine Schriften 1933 verbrannt wurden und die dann folgenden schwierigen Zeiten, haben ihn sehr getroffen. Doch in den 50er, 60er Jahren war er stolz darauf. Auch wenn er sich selten darüber ausließ.
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WK II - Kriegsende
Neben seinen illegalen Aktivitäten im Krieg, war Adolf Koch Leiter einer Einrichtung für Verwundeten- und Versehrten-Sport auf dem Gelände des Schloß Marquard bei Berlin (Foto oben).
Soweit ich das aus wenigen Erzählungen von Adolfs langjährigen Begleitern weiß, ließ Adolf, als die Russen immer näher kamen, alle Alkoholvorräte einsammeln. Dann fertigte er mit Hilfe von russischen Zwangsarbeitern ein Transparent auf Russisch: „Hier wird nicht geschossen - hier wird getrunken”.
Das kam bei den einmarschierenden Russen so gut an, das in Marquard sofort eine Kommandostelle eingerichtet wurde. Kochs Verhältnis zur Roten Armee entwickelte sich gut. Als die Russen aus Schloß Marquard abrücken wollten, wurde ein Teil der Parkettböden und der bunten Fenster des Schlosses auf russischen Lastern nach Berlin, in die Hasenheide transportiert. Dort war Adolf Koch mit der Einrichtung eines neuen FKK-Institutes in einem ausgebrannten Schinkel-Bau beschäftigt.
So entstand in der Hasenheide das Institut für Körperkultur (Adolf-Koch-Institut), das 1946 vom Berliner Senat als „Freie Schul-Einrichtung” anerkannt wurde.
Körperpflege war ein wesentlicher Inhalt der Kochschen Anschauungen. So gab es Duschen und Höhensonnen, auch für alle die nicht an der Gymnastik teilnahmen. Neben der Gymnastik gab es Vorträge und Diskussionen.
Adolf Koch war der Ansicht, man sollte auf FFK-Geländen „Schmuse”-Ecken für junge Leute haben, da Sexualität zum Menschen gehört und nicht verleugnet werden soll, nur weil man nackt ist. Er hielt Sexualaufklärung, besonders die Verhütung, für sehr wichtig. Auch um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden und so die Belastung einer Familie oder Einzelperson durch zu viele Nachkommen zu verhindern. Die Ansteckung und Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten durch ungeschützten Verkehr zu vermeiden, verstand er als Teil der Aufklärung und der Sexualhygiene.
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In der Hasenheide gab ein Zwischengeschoß, das in keinem Bauplan existierte, ein Zimmer (siehe Zeichnung oben).
Oft kamen junge Paare, duschten und holten sich von Adolf den Zimmerschlüssel. Zum Ende des Gymnastik-Unterrichts erschienen sie wieder in den Institutsräumen und gingen nochmal duschen. Das war in einer Zeit in der der Kuppelei-Paragraf Menschen mit mehreren Jahren Zuchthaus bedrohte, der Unverheiratete beherbergte. Der DFK hat Adolf Koch wiederholte Male der Kuppelei bezichtigt und ihn (anonym) angezeigt. Immer folgenlos.
Wikipedia: Der DFK wurde am 6. November 1949 als Dachverband für die damaligen drei westlichen Besatzungszonen gegründet. Die Eintragung ins Vereinsregister erfolgte im Jahr 1953 beim Amtsgericht Hannover.
1953 ehrte der DFK einen der Pioniere der Freikörperkultur-Bewegung, Richard Ungewitter, ungeachtet der gegen ihn erhobenen Vorwürfe völkischer und antisemitischer Umtriebe, mit der Ehrenmitgliedschaft. 1964 wurde dagegen Adolf Koch, der sozialistische Vorkämpfer der FKK in der Weimarer Republik, vom Verband ausgeschlossen, weil er die Öffentlichkeitsarbeit zu offensiv mit sexualreformerischer Programmatik betreibe.
Der DFK hatte offenbar große Angst irgendwie mit Sexualität in Verbindung gebracht zu werden.
Wikipedia weiter: Der Deutsche Verband für Freikörperkultur (DFK), dem Kochs Öffentlichkeitsarbeit zu offensiv war, distanzierte sich von ihm und schloss ihn 1964 aus. Der Verband beugte sich damit während der Adenauer-Ära dem Druck der Öffentlichkeit, die die Werbung für den Naturismus z. T. noch als jugendgefährdend und unsittlichbetrachtete.
Deswegen aber Menschen bei Behörden anzuschwärzen, war vielleicht doch etwas mehr, als sich „dem Druck der Öffentlichkeit” zu beugen.
Während der fünfziger und sechziger Jahre waren Teile der FKK-Bewegung wohl eher völkisch-nationalistisch eingestellt, während Adolf Koch als „Linker” galt.
Inzwischen hat der DFK längst seinen Frieden mit Adolf Koch gemacht und ehrt auch ihn als Pionier der FKK-Bewegung:
Aus einer Veröffentlichung des DFK, Juli 2020:
„Mit dem Runderlaß zur Bekämpfung der Nacktkulturbewegung des preußischen Innenministers vom 3. März 1933 folgte im April des Jahres ein tiefer Einschnitt: Die Schule samt Freigelände wurde beschlagnahmt, und Adolf Koch erhielt Unterrichtsverbot, seine Bücher wurden verbrannt. In dieser Zeit lebte Adolf Koch zwischen Anpassung und Konspiration. Er gründete 1934 den Adolf-Koch-Bund für soziale Hygiene, Körperkultur und Gymnastik. Die GeStaPo löste die Schule endgültig auf wegen marxistischer Tendenzen und einer Begünstigung volksschädlicher Elemente.
✱ 1935 richtete Adolf Koch in der Kreuzberger Ritterstraße ein Institut für Eubionik ein, in dem notdürftig und illegal die Arbeit in kleinem Kreise fortgesetzt wurde. Die illegal weitergeführte Schule diente auch dazu, Juden und anderen Verfolgten des NS-Regimes zu helfen.
✱ 1936 wurde die erst 20 Jahre junge Ilse Hanauer für Adolf Koch tätig. Die beiden waren in einander verliebt, wie Ilse Hanauer 2001 in einem Interview erklärte.
✱ 1939 wurde Adolf Koch erneut zum Militärdienst eingezogen - als Sanitätsfeldwebel für Verwundetentransporte und Krankengymnastik in Marquardt nahe Potsdam.
Das Berliner Institut wurde von Ilka Dieball und Adolf Kochs Vater Karl weitergeführt. Ilse Hanauer quittierte den Dienst 1941 und hielt sich bis zum Kriegsende in Berlin-Grünau versteckt.”
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Adolf und Frauen
Ilse Hanauer wurde auch in den 50er und 60er Jahren von Irmgard und Adolf erwähnt. Sie war offenbar eine Stütze des Institutes. Von seinen Liebschaften hat mein Vater nichts gesagt. Wie auch von einem 65 Jahre alten Mann zu seinem 15 Jahre alten Sohn?
Das mein Vater nicht monogam war habe ich schon mitbekommen. Eine Zeit lang habe ich mich auch „den einzigen mir bekannten Sohn meines Vaters” genannt.
Aus dem Wenigen das ich weiß, schließe ich allerdings, das er gegenüber seinen Lieben immer loyal und offen war.
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Helga und Adolf und die Entstehung von Helmut
Helga Schminke, meine Mutter, Jahrgang 1926, war ein kriegsgezeichneter, aber blühender Backfisch (Teenager).
Adolf war 30 Jahre älter, ein erfahrener, respektabler und charismatischer Mann. Helga besuchte schon im Krieg Adolfs Gynastik-Unterricht.
Ihr Vater war gegen den Mann eingenommen, der älter als er selber war, obwohl er die Ideen Kochs befürwortete und selber in den zwanzigern einige Zeit auf einem der Freigelände der FKK von Adolf Koch gelebt hatte.
Irgendwann hat es zwischen Adolf und Helga gefunkt. Dann, ein Verhütungsfehler - in Hungerzeiten war die Verhütung durch Berechnung des weiblichen Zyklus und Eintrag in den Kalender nach Knaus-Ogino, noch weniger zuverlässig als sonst – führte dazu, das Helga 1948 schwanger wurde.
Eigentlich eine Ironie bei einem Mann, der sich seit Jahrzehnten für sexuelle Aufklärung, Hygiene und Empfängnisverhütung einsetzte. Nur standen in diesen Zeiten keine verläßlichen Mittel zur Verfügung.
Helga, Adolf, Helmut und eine Heirat ohne Ehe mit Scheidung
Damals war es ein Makel ein 'Bastard', also unehelich, zu sein. Beide wollten nicht, das ich darunter zu leiden haben würde. Andererseits war klar, eine Ehe zwischen beiden konnte nicht gut gehen, zu unterschiedlich waren die Voraussetzungen.
So wurde am 18. Mai 1948 geheiratet, damit der Sohn ehelich zur Welt kam. Zusammen gelebt haben die Beiden nie.
Am 25. April 1950 wurde die Ehe geschieden, Adolf übernahm die „Schuld” und die Kosten.
Das ist wohl auch der Grund warum diese zweite Ehe es nicht in die offiziellen Lebensgeschichten Adolf Kochs geschafft hat. Obwohl Adolf uns nie verleugnet hat, ich regelmäßig bei ihm war und wir zusammen im Urlaub waren.
Helga und Adolf hatten nach ihrer Trennung nicht mehr viel miteinander zu tun. Ausnahme: Wenn es um den gemeinsamen Sohn ging.
Berlin-Blockade, Helmut und die Schweiz
Ich wurde am 10.11.1948 – also während der Berlin-Blockade – geboren. Mutter und Kind ging es nicht gut, es gab Nichts. Kein Essen, keine Wohnung, keine Heizung, keine Kleidung. Alle Berliner wurstelten sich durch, hungerten und froren.
1949 sorgte Adolf dafür, das Mutter und Kind für lange Zeit in die Schweiz – zu FKK-Anhängern – reisen konnten und dort „aufgepäppelt” wurden. Zu dieser Zeit war er schon mit Irmgard Richter, seiner späteren (dritten) Frau, zusammen, die sich dennoch besorgt um Helga und mich kümmerte. Sie als Lehrerin, war auch das finanzielle Rückgrat, aus dem sich die Alimente für mich speisten.
Die Gastgeber in der Schweiz waren strenge Vegetarierer und lebten auf einer Alm. Helga erzählte gerne, wie sie einmal unten im Dorf war und sah wie der Patron der Familie in der Schlachterei stand und Würstchen aß.
Nach den vielen Monaten in der Schweiz kam Helga mit Sohn Ende 1949 zurück ins zerbombte Berlin.
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Als alleinerziehende Mutter – keine Kriegerwitwe! – war es nicht einfach Wohnung und Arbeit zu finden. Mit den Kleinkind arbeiten gehen, ging sowieso nicht. Wir kamen zunächst in einem Zimmer in der „Weissen Stadt”, einer Siedlung im Stadtteil Reinickendorf unter. Helga war gelernte Maßschneiderin und hatte als ausgebildete Hilfsschwester im Lazarett gearbeitet. Sie fand nach einiger Zeit eine Stelle als Näherin im Stücklohn in Heimarbeit.
Als sie 1950 ihren zweiten Mann, Heinz Behling, kennenlernte, zogen wir zunächst mit in die Wohnung seiner Mutter im Wedding. Helga ging dann arbeiten und „Mutti Behling” – sie bestand auf dieser Anrede – kümmerte sich um das Kind. 1954 bekamen die inzwischen Verheirateten im gleichen (großen Wohnkomplex) eine Wohnung und Helga wechselte wieder in Heimarbeit.
In den 60er Jahren – inzwischen auch von Heinz geschieden, der unbedingt Herbergsvater werden wollte – arbeitet sie als Sprechstundenhilfe.
Sylt - drei Mal
Die ersten drei Reisen meines Lebens – neben der Zeit in der Schweiz – gingen nach Sylt. Adolf hatte kein Geld aber „Papa”, der alte FKKler hatte Kontakte nach Sylt. So wurde es möglich, in Hörnum, direkt am Bahnhof, eine fast-umsonst-Unterkunft zu bekommen. Helga, meine Mutter blieb in Berlin und hatte Ferien vom Kind und Irmgard fuhr mit mir mit dem Zug bis Westerland, und dann weiter mit dem Schienenbus nach Hörnum.
Irmgard und Adolf (und ich auch) liebten diese Insel bevor sie zum Platz der Reichen und nicht immer Schönen wurde. Was damals ging, wäre heute für Leute wie meinen Vater unerschwinglich.
Die „Unterkunft” lag am Bahnhof Hörnum und bestand aus einem Bretterschuppen mit Stuhl, Tisch und zwei Schlafkojen. Dort verbrachte ich mit vier, fünf und sechs Jahren, drei Jahre lang die Sommerferien, denn Irmgard war Lehrerin.
Die halbe Zeit war ich mit Irmgard alleine auf Sylt, denn Adolf konnte nicht sechs Wochen von Berlin wegbleiben – obwohl es dem Pollenallergiker sicher gut getan hätte, so lange auf Sylt zu bleiben. So half sich der überwiegende Vegetarier und Anti-Alkoholiker Adolf Koch mit einem besonderen Rezept, um mit den Begleiterscheinungen seiner Allergie fertig zu werden: Einen Esslöffel eines alten eichenfaßgelagerten Whiskeys in ein Glas Wasser gerührt, und in kleinen Schlucken getrunken.
Erwachsene weinen
Besonders erinnerlich ist mir ein Tag an dem ich mit Irmgard vom Strand kam und Adolf auf dem Bett lag und bitterlich weinte. Ich war verstört. Der Papa, ein Erwachsener weinte.
„Was hat der Papa?”, fragte ich Irmgard. „Sein Vater ist grade gestorben.” Das war das einzige Mal das ich meinen Vater weinen sah.
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Ausflüge
Auch sonst war Adolf häufig mit mir unterwegs. Mit Oma Richter (Bild unten links), der Mutter von Irmgard, also Adolfs Schwiegermutter. Besonders gerne waren wir am nahegelegenen Flughafen Tempelhof. Es gab eine Galerie von der Besucher direkt auf das Flugfeld und die Abfertigung sehen konnten.
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Da das Gebäude ein riesiger Viertelkreis ist, konnte man sogar bis zum weit entfernten militärischen Teil sehen.
Reisen
Ab dem Alter von sieben Jahren nahm ich dann - von Adolf Koch vermittelt - an dem Sommerlagern der sozialistischen Jugend „Die Falken” teil. Zunächst in Berlin, Glienicke und Schwanenwerder, später ging es dann nach Holland, ins Allgäu, Norwegen und Schweden.
Ebenso wurde ich auch in den kürzeren Ferien „verschickt”. Da wurden (West)-Berliner Kinder nach Westdeutschland zu Organisationen, Heimen und Pflegeeltern befördert und dort einige Wochen „aufgepäppelt” zu werden. So sorgte mein Vater schon früh dafür, das ich mehr von der Welt sah als Wohnzimmer und Küche.
(M)eine Schwester, Adolfs Letztgeborene
1955 bekam ich eine Schwester, genauer Halbschwester. Irmgard brachte an einem Sonntag, dem 1. April, Carola zur Welt. Später bestand Carola darauf ein Sonntagskind und kein Aprilscherz zu sein.
Adolf Kochs letztgeborenes Kind, war einerseits eine Konkurrenz, andererseits war der Altersabstand von fast acht Jahren für Kinder gewaltig. So war unser Kontakt auch nur wenig geschwisterlich und auch im späteren Leben war der Kontakt eher sporadisch.
So wie auch der Kontakt zu Irmgard nach dem Tod von Adolf Koch (2.2.1970) lange Zeit abriß und erst in den neunziger Jahren wieder zu einigen Besuchen führte.
Die „Hasenheide” - Das Adolf-Koch-Institut
Nachkriegszeit
Als Adolf nach dem Krieg wieder nach Kreuzberg wollte, fand er die besitzerlose Brandruine eines Festspielhauses. Das Hauptgebäude war vollständig zerstört, das Quergebäude mit einem kleinen Ballsaal noch in Teilen erhalten. Adolf machte sich mit vielen Helfern daran die Ruine in Stand zu setzen. Die Russen, mit denen er seit Schloß Marquard gut auskam, brachten ihm auf Militärlastwagen, Parkett und Fenster aus dem Schloß Marquard.
In den 1950er Jahren
Als kleiner Junge fuhr ich von unserem Wohnort im Wedding alleine mit der U-Bahn in die „Hasenheide” zum Papa, zu Adolf Koch. Die Bahn fuhr vom Bahnhof Seestraße bis zum Bahnhof Südstern in einem Rutsch durch. Den Vorderausgang der Bahn nehmend brauchte man noch 300 Meter bis man vor der Hasenheide 52 angekommen war. Um zum Adolf-Koch-Institut zu gelangen mußte man noch durch zwei Einfahrten und über zwei Höfe.
Das Institut
Hinein ging es durch eine schwere zweiflügelige Tür. Dahinter eine breite hölzerne Treppe. Als Kind war diese große Treppe, die knarrend im Halbdunkel zum eigentlich Eingang des Adolf-Koch-Institutes führte, beeindruckend.
Oben angekommen, mußte man durch ein weitere massive Holztür. Dahinter traf auf einen flachen Tresen, an dem meisten Adolf Koch saß, die Leute begrüßte, bediente, oder mit anderen Arbeiten beschäftigt war.
Dieser Empfangsraum führte links weiter zu hölzernen Kabinen mit Höhensonnen und Massageliegen und zu einem Büro mit Sessel, Liege und Unmengen von Büchern.
Rechts vom Empfang gab es ein weiteres Büro, in dem Adolf Koch alles hatte, was mit der Schriftleitung der Zeitschrift „Helios” zu tun hatte.
Hinter dem Empfang ging es eine schmale Treppe hinauf zu den Umkleiden und von diesen eine noch schmalere Treppe hinab zu den Duschen.
Direkt links vom Eingang lag der Saal, mit einer erhöhten Nische, in der das Klavier Adolfs stand. Dort saß er, spielte, sang, improvisierte und dirigierte die Gymnastikstunden.
Hier wurden Vorträge gehalten und Vorführungen veranstaltet. Das Licht fiel bunt durch die drei hohen schmalen Bogenfenster - und das Parkett knarrte und quietschte.
Gab Irmgard Koch die Gymnastik-Stunde, war ihr Instrument nicht das Klavier sondern ein Tamburin, den sie mit einem fellbezogenen Schlegel zum Tönen brachte oder auch mit einem Gong, wunderbar zisiliert war.
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Die Wohnung in der „Hasenheide”❀
Neben dem großen Eingang gab es noch einen kleineren, der zu einem Treppenhaus führte. Über dieses erreichte man die unter dem Dach gelegenen Wohnungen. Links über dem Saal die von Adolf und Irmgard. Das Dach war provisorisch aus Dachpappe und dementsprechend waren die Temperaturen. Da die Wohnung kleiner war als der darunterliegende Saal, gab es eine Menge nicht ausgebauten Raumes neben der Wohnung.
Vom Flur der Wohnung ging eine Tür in den nicht ausgebauten Dachraum. Hier wurden bei passenden Temperaturen Lebensmittel gelagert und: »Für Kinder nicht zu betreten!« - Ein falscher Schritt hätte zu einem zwei Stockwerke tiefen Fall geführt.
Der Geruch der „Hasenheide”
Die Hasenheide hatte ihren eigenen Geruch. Nach Massageöl und Ozon – von den Höhensonnen – gemischt mit Bohnerwachs und Bücherstaub. Es unterschieden sich Geruchszonen. In den Büros überwog natürlich der Einfluß der Bücher. Bei den Kabinen kam je nach Belegung Ozon oder Massageöl in den Vordergrund. Im Saal mischte sich noch eine leichte Schweißnote unter das Durftgemisch, während auf der großen Treppe das Bohnerwachs dominierte. Gerüche, die eine Örtlichkeit nachhaltig prägen und besser erinnerlich sind als manches optische Detail.
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Die Einstellungen Adolf Kochs - aus der Sicht seines Sohnes
Die von meinem Vater verfassten Artiel habe ich erst im fortgeschrittenem Alter teilweise gelesen. Die Sprache ist sicher gewöhnungsbedürftig, sie ist auch schon 70 bis 100 Jahre alt. Inhaltlich gibt es nur mit Mühe in seinen Ansichten etwas zu finden, das inzwischen wissenschaftlich überholt ist.
Ein Irrtum war sicher die Lehre der Körperbautypen nach Kretschmar und den dabei unterstellten psychologischen Zusammenhängen. Mit Richard Ungewitter oder Hans Surén hatte er sowieso nichts gemein.
Der Kern seiner Ansichten, den Menschen ganzheitlich zu betrachten, Gesundung durch Licht, Luft, Sonne, Ernährung, Bewegung und Maß halten, Spannung und Entspannung, wird heute aus jeder Ecke postuliert.
Damit endet allerdings die Ganzheitlichkeit vieler heutiger therapeutischer Ansätze, denn jeder sucht sich ein kleines Stückchen dieses Spektrums und macht eine eigenständige Therapie daraus.
Da wird die Beschäftigung mit einem „Inner Child” wichtiger als die soziale Umgebung; ein „BMI” wichtiger als ausgewogene Ernährung und die Unterschiede des Menschen in Körperbau Sozialisation werden ignoriert.
Ich denke, Adolf Koch würde das nicht gefallen.
Er war dafür, das sich die Menschen gemäß ihrem eigenen Körper und Vermögen (gymnastisch) bewegen. Das sich bei Partnerübungen Verständnis für den anderen Menschen entwickelt und nicht der Ehrgeiz, eine Übung „am Besten” zu machen. Das jeder an den anderen sehen kann, das niemand perfekt ist, das jeder andere Qualitäten hat. Das der Mensch nicht genormt ist und Schönheit subjektiv ist und keineswegs nur äußerlich wahrgenommen wird.
So war Adolf jemand der die kapitalistischen Werte des Besser, Größer, Weiter, Mehr, wirklich negierte.
Der gegenseitige Hilfe, Unterstützung, das Miteinander, propagierte und in seinen Schulen und Geländen auch praktizierte, ohne deswegen ein verbissener Kommunist zu sein.
Ein Vertreter strenger Dogmen war Adolf Koch nicht, auch nicht in Bezug auf seine eigenen Vorstellungen.
Ich glaube die Begriffe Sozialist und Humanist hätte ihm gefallen, auch wenn besonders ihm klar war, das human, also menschlich, nicht gleich gut bedeutet.
Sexualität in all ihren Formen – heute auch queer genannt – Aufklärung, Verhütung, Hygiene waren ihm wichtig. Er wusste, grundsätzlich kann an der Nacktheit, ebensowenig wie an der Sexualität, etwas Schmutziges oder Schmuddeliges sein. Es sind Grundkonstanten menschlichen Lebens.
Eine Gesellschaft, in der der Mensch nicht nackt sein darf, kann nicht wirklich frei sein. Er wußte, das der nackte Körper normalerweise weniger erotisch wirkt, als der geschickt verhüllte.
Adolf Koch war Erotischem gegenüber offen. Er mochte keine verklemmte Prüderie mit der sich die kleinbürgerliche Geilheit verkleidet. Ebenso wenig mochte er, wenn in einer Gesellschaft die Sexualität zur Ware verkommt oder als Herrschafts- Instrument benutzt wird.
Adolf Koch war Mitglied der FSK – der freiwilligen Filmselbstkontrolle. Mit Verachtung erzählte er mir, besonders die kirchlichen Vertreter würden, die für die öffentlichen Vorführungen herausgeschnittenen Sex-Szenen privat sammeln.
Adolf Koch war kein Heiliger. Er hatte und er machte Fehler. Er hatte gerne die Aufmerksamkeit seiner Gegenüber. Er war keiner, der still in der Ecke sitzt. Er war dünnhäutig, sensibel. So war er leicht emotional zu treffen – auch wenn es ihm die meisten nicht anmerkten.
Er war gut im Einsammeln, Zusammenfügen und Analysieren von Informationen. Er konnte sich und seine Ansichten gut präsentieren und war dabei präzise im Formulieren. Er war überzeugend.
Lebte er heute, wäre er sicher in der Umwelt-Bewegung und der Friedensbewegung engagiert. Er würde vermutlich an der Seite der „letzten Generation” stehen.
Ich denke die meisten seiner Werte können auch heute Leitlinien eines Lebens sein.
Adolf und Helmut Koch | |
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Adolf Koch, ca. 1907 | Helmut Koch, ca. 1957 |
Text und Bilder:
Helmut Koch, Juli 2025
Der Skandal
Dieser Artikel erschien 1997 anläßlich des 90. Geburtstages Adolfs, 20 Jahre nach seinem Tod.
Aus einer Veröffentlichung des DFK, Juli 2020: „Eine Lehrprobe, zu der nur geladene Lehrkräfte und Eltern zugelassen waren, wurde durch ein Schlüsselloch beobachtet und so zu einem vermeintlichen Skandal um Nackttänze in der Schule stilisiert.
Die Diskussionen darüber reichten bis in den preußischen Landtag; Adolf Koch wurde amtlich vernommen und die Kurse wurden untersagt – allerdings nur, weil er es versäumt hatte, die Schulbehörde vorab über die Art der Nutzung des Raums zu unterrichten.”
Text: Helmut Koch
Textauswahl:
• - Bericht über die FKK und dem »Menschen« Adolf Koch
• - Unsere Gymnastik
• 1931 - Protestversammlung in Berlin
• 1932 - Nacktheit und sozialistische Aufbauarbeit
• 1967 - Möglichkeiten für Einsame
Quellenangaben:
① - Taufschein vom 8. Mai 1897
② - Konfirmationsschein vom 17.09.1911
③ - Präparandie: Lehrerbildungsanstalt Volks-, bzw. Grundschullehrer
④ - Kyritz liegt Richtung Hamburg, in der Nähe von Perleberg
⑤ - Seuchenlazarett Tomaschow (29.06. - 01.08.1915) - Lazarett Bialystock (30.08. - 29.09.1915)
⑥ - Lebenslauf vom 15.08.1945. Allerdings gibt es keine eindeutigen Nachweise über die belegten Fächer und die absolvierten Semester.
Gemäß Anmeldebuch sind es 4 Semester, wobei Koch in seinem Lebenslauf 6 Semester angibt.
⑦ - Della de Waal, berühmter Nackttänzer nach dem 1. Weltkrieg (Weigelt - 05.10.1983)
⑧ - Anna Herrmann-Müller - Die Bekleidungsfrage in der Körpererziehung
⑨ - Ilka Dieball - »This Nude World«