„Die humanitäre Aufgabe müssen wir annehmen”

INF-Präsidentin Sieglinde Ivo denkt über die Folgen der Zuwanderung für den Naturismus nach

Für Überraschungen ist die Präsidentin der Internationalen Naturisten-Föderation (INF), Sieglinde Ivo, immer wieder gut. Sie ist diejenige, die die Herausforderungen thematisiert, die mit der Zuwanderung von Flüchtlingen auf die naturistische Bewegung zukommt. „Es ist an der Zeit, sich Gedanken zu machen, welche Aufgaben für die Naturistinnen und Naturisten anstehen angesichts der großen Menschenmengen, die besonders in die Länder Westeuropas kommen”, meint Sieglinde Ivo.

Die Zuwanderung der Menschen aus Syrien, Afghanistan und auch von anderswo sei so groß, dass es in unserer Gesellschaft große Wandlungsprozesse geben werde. Sie nennt als Beispiel das Nacktbaden an der Wiener Donauinsel, in den Münchner Isarauen oder am Kölner Rheinufer. Die zugewanderten Menschen würden dies nicht kennen. Es sei fraglich, wie denn die Kommunen und Landkreise in diesem Jahr mit den geduldeten Naturistinnen und Naturisten umgingen. Möglicherweise würden die Nacktbadenden gebeten, sich an den Ufern von Flüssen und Seen anzukleiden, mutmaßt INF-Präsidentin Ivo.

„Es gibt keine Zweifel daran, dass wir die humanitäre Aufgabe der Hilfe für die flüchtenden Menschen annehmen. Doch muss es bewusst sein, dass sehr unterschiedliche Traditionen aufeinander treffen”, meint Ivo. Frauen aus Nordafrika seien es nicht gewohnt, dass nackte Männer in der öffentlichkeit präsent seien. Männer aus dem Orient würden es nicht kennen, dass unbekleidete Frauen das Sonnenbad emotionslos genießen würden. Es sei niemandem klar, wie die Menschen subjektiv damit umgingen. Genauso wenig sei es abzuschätzen, wie die öffentlichen Stellen dem begegneten, meint Ivo.

Für die naturistischen Breitensportvereine im deutschsprachigen Raum sieht INF-Präsidentin Ivo eine große Aufgabe darin, sich zu überlegen, wie Menschen ein naturistisches Zuhause fänden, die bislang keine Bindung an Vereine hätten und vielleicht den Schutz der Vereinsgelände suchen müssen. Es sei an der Zeit, dass die traditionellen Naturistenvereine auf die Menschen zugingen, die bislang ungebunden sein wollten, meint Ivo.

Was dies heißt, konkretisiert INF-Präsidentin Ivo: „Die naturistischen Vereinsgelände müssten sich sicher mehr auch Tagesgästen öffnen als nur diejenigen zu bedienen, die sich in der Gemütlichkeit eines Vereins einrichten wollen. Irgendwie muss es darum gehen, die Freiheit des Nacktseins mittel-bis langfristig zu sichern. Dies heißt sicher auch, auf Menschen zuzugehen, die man bislang selten unter organisierten Naturistinnen und Naturisten findet.” Angebote für junge Menschen, für Familien sowie für Kinder und Jugendliche müssten sicher überdacht werden.

Sieglinde Ivo spricht sich für ein Aufeinanderzugehen der naturistischen Gruppen aus, um die gewonnenen Freiheiten nicht aufgeben zu müssen. So sieht sie auch auf die Schwimmbäder und Wellness-Einrichtungen Entwicklungen zukommen, an die bislang niemand gedacht habe. „Wir erleben eine spannende Zeit. Wir sollten unser Profil zeigen”, so INF - Präsidentin Ivo. Für die hiesigen Menschen sei es eine Selbstverständlichkeit, sich während des Sommers im Freibad oder im Strandbad zu treffen. Dies bewege niemanden besonders. Für Menschen aus anderen kulturellen Kontexten sei es fremd, einander im Badeanzug oder im Bikini zu begegnen. Geschlechtertrennung sei dort in öffentlichen Bädern immer noch üblich. Deshalb werde es spannend, welche überraschungen auf die westeuropäischen Menschen zukämen, so INF-Präsidentin Ivo.

Text: Christoph Müller
Das Foto wurde freundlicherweise von Sieglinde zur Verfügung gestellt.


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